IT Governance und Zielbild als «GPS» für eine zukunftsfähige 1. Säule
Die IT-Landschaft des IV-Vollzugs gleicht einem komplexen Ökosystem: Es existieren Applikationen unterschiedlicher Grösse, unterschiedlichen Alters und mit sehr verschiedenen Aufgaben. Einige sind hochspezialisierte Fachlösungen für Nischenthemen, andere umfassende Generalisten mit breiter Datenbasis. Auf den ersten Blick wirkt dieses Ökosystem unübersichtlich und wenig koordiniert; in der Praxis erweist es sich jedoch als verlässlich, robust und resilient.
Herausfordernd wird dieses Gefüge, wenn in kurzer Zeit viele neue fachliche Anforderungen umgesetzt und gleichzeitig alternde Systeme erneuert werden müssen. Dann braucht es Übersicht und gemeinsame Leitplanken: Welche Bedürfnisse sind besonders relevant, welche fachlichen, organisatorischen und technischen Abhängigkeiten bestehen, und wer übernimmt in welchen Vorhaben welche Rolle?
Die IVSK hat 2025 zusammen mit den Schwesterverbänden KKAK (Konferenz der kantonalen Ausgleichskassen) und VVAK (Vereinigung der Verbandsausgleichskassen) grosse Anstrengungen unternommen, genau diese Fragen zu klären und eine gemeinsame Orientierung zu schaffen. Der gemeinsam eingesetzte Thinktank Cercle Avenir, bestehend aus je zwei Leitungspersonen der drei Verbände, hat ein IT-Zielbild für die Digitalisierung der 1. Säule erarbeitet. Dieses Zielbild wurde von allen drei Verbänden verabschiedet und ergänzt die bestehende Digitale Transformations- und Innovationsstrategie (DTI)-Basisstrategie von BSV und Durchführungsstellen als fachlich-inhaltliche Konkretisierung für den Vollzug. Das Zielbild umfasst sowohl Prinzipien für die Gestaltung der IT im Vollzug der 1. Säule wie auch spezifische Handlungsfelder. Es dient den IV-Stellen und deren IT-Organisationen als Leitlinie respektive Richtplan für die künftige Entwicklung ihrer IT-Systeme. Es soll daher laufend überprüft und angepasst werden.
Weiter wurde auf Basis von Vorarbeiten und Empfehlungen des Cercle Avenir das Projekt eAHV/IV 4.0 gestartet. Dieses hat zum Ziel, die Organisation und Governance des gleichnamigen Vereins aufgrund seiner zunehmenden Relevanz zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.
Neben inhaltlichen Digitalisierungsprojekten stellt sich zunehmend die Frage, wie die digitale Transformation insgesamt gesteuert wird und welche Akteure dabei welche Verantwortung tragen. Das Digitale Governance Modell (DIGOMO) hat 2025 sowohl das BSV wie auch die Durchführungsstellen intensiv beschäftigt, da zentrale IT-Projekte nur dann erfolgreich sind, wenn Aufsicht, Durchführungsstellen und IT-Umsetzungsorganisationen klar definierte Rollen und Entscheidungskompetenzen haben.
Die IVSK hat gemeinsam mit der KKAK und der VVAK einen Vorschlag für eine Governance erarbeitet, welcher die föderalen Strukturen respektiert und gleichzeitig die strategische Steuerung von DTI-Projekten stärkt. In dem Vorschlag werden Aufsicht, Strategie, taktische und operative Führung klar getrennt, die Rolle der Durchführungsstellen gestärkt und auf eine entschlackte Gremienlandschaft mit klar definierten Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten gesetzt. Die Überlegungen und Vorschläge bilden wichtige Vorarbeiten für ein gemeinsames Projekt von BSV und Durchführungsverbänden zur digitalen Governance der 1. Säule, welches im Jahr 2026 gestartet wird. Ziel des Projekts ist eine tragfähige, zukunftsorientierte IT-Governance, die sowohl die gesetzlichen festgelegten Zuständigkeiten als auch die Bedürfnisse aller beteiligten Akteure berücksichtigt.
IT-Zielbild und digitale Governance übernehmen damit die Funktion eines «GPS» der digitalen 1. Säule: Das Zielbild legt das gemeinsame Ziel und mögliche Routen fest, das Governance-Modell stellt sicher, dass alle Akteure ihre Rolle wahrnehmen und Entscheidungen koordiniert getroffen werden. So entsteht auch in einem komplexen IT-Ökosystem Orientierung und Klarheit, und notwendige Kurskorrekturen können rechtzeitig und gemeinsam vorgenommen werden.